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Wishing on the same Moon


Es war eine Nacht wie jede andere auch.
Ich hatte mich in einen der großen Bäume auf der West Seite des Friedhofs zurückgezogen. Von hier aus hatte man einen guten Überblick über den Friedhof und die umliegenden Gebäude.
Die Kerzen auf den Gräbern erhellten die Gegend ein wenig, ebenso wie der Mond der direkt über der großen Kirche stand.
Der gesamte Tag war sehr ruhig verlaufen, nur wenige Leute waren heute zum Friedhof gegangen und so verbrachte ich die meiste Zeit damit mit den Seelen der Toten zu reden. Sonst gab es auf dem Friedhof ja auch nichts zu tun.
Da saß ich nun und starrte in die dunkle Nacht.
Mir war langweilig – verdammt langweilig. Es war niemand da mit dem ich reden konnte. Nicht einmal Reyals hatte sich heute gezeigt. Ich wunderte mich ob er mal wieder in Schwierigkeiten steckte doch ich bezweifelte es da er eigentlich im Laufe der Zeit aus seinen früheren Fehlern zu lernen wusste.
Ich schüttelte meinen Kopf. Ich machte mir zu oft und zu viele Gedanken um ihn. Immerhin war er alt genug das er keine Fehler machte und sich anderen zu erkennen gab oder etwa nicht? Nein, nicht wirklich. Wenn er vernünftig wäre hätte ich ihn damals nicht sehen können – er war vergesslich und ein wenig tollpatschig um es nett auszudrücken.
Wahrscheinlich wusste er was ich von ihm halte, doch er nahm mich sowieso nicht ernst. Er spielte sich immer als der Schlaue auf nur um vorzugeben das er etwas besseres war und das er mehr über die positiven und negativen Dinge wusste die es mit sich brachten ein Engel zu sein.
Ich seufzte.
Auch wenn er oft nervte, so war es doch angenehm wenn er da war, denn er war der einzige mit dem man reden konnte ohne das man das Gefühl hatte mit einer Leiche zu reden. Nicht das ich etwas dagegen hatte, es war nur einfach angenehmer mit jemandem zu reden der nicht eiskalt war wenn man ihn berührte.
Abermals schüttelte ich meinen Kopf.
Wieso musste ich ausgerechnet jetzt über so was nachdenken?
War es weil ich Reyals den ganzen Tag noch nicht gesehen hatte?
Sonst störte ich mich auch nicht daran wenn er mal nicht da war. Wieso war es dieses Mal anders als sonst? --- Ich wusste es nicht. Ich konnte mir selbst nicht erklären warum ich über ihn nachdachte, jedenfalls nicht so intensiv.
Für einen kurzen Moment schloss ich meine Augen und versuchte somit meine Gedanken die ich bis dahin hatte zu vergessen, doch ich war nicht wirklich erfolgreich – im Gegenteil. Die Tatsache dass ich meine Augen geschlossen hatte vertiefte meine Gedanken nur noch denn vor meinem geistigen Auge sah ich Reyals wie er mich anlächelte.
Ich riss meine Augen auf und schlug mir vor den Kopf. *Verdammt.* Dachte ich.
„Alles klar mit dir?“ Hörte ich eine Stimme fragen.
Ich blickte hoch und starrte geradewegs in Reyals grüne Augen. Er wirkte ein wenig besorgt. Sah ich wirklich so schlimm aus das man mir ansehen konnte dass ich ein – mehr oder weniger – kleines Problem hatte?
„Mir geht es gut.“ Antwortete ich.
„Sicher?“ Reyals rückte näher an mich heran und starrte mich noch intensiver als vorher an. Plötzlich drückte er die Handfläche seiner rechten Hand gegen meine Stirn.
Ich erschrak, verlor die Balance und fiel aus dem Baum, geradewegs auf einen kleinen Grabstein. „Au, mein Rücken!“
Reyals blickte zu mir runter – er grinste. „Na ja, wenigstens hast du kein Fieber.“
„Na danke.“
Ich versuchte aufzustehen doch mein Rücken tat zu sehr weh also beschloss ich liegen zu bleiben, irgendwann würde der Schmerz aufhören und ich hatte noch genug Zeit bis die Sonne aufgehen würde deswegen machte ich mir keine Sorgen das ich von irgendjemandem entdeckt werden könnte.
Ich legte meinen Kopf auf den Boden und atmete tief ein. Die Nacht hätte so friedlich sein können aber nein.
Ich spürte das Reyals mich ansah auch wenn ich nicht zu ihm sah. Ich hatte mich von ihm weggedreht – ich wollte einfach dass das alles aufhören würde, und zwar schnell.
„Raven?“ Seine Stimme klang ruhig und war kaum zu hören. Bist du wirklich okay?“
Ich antwortete ihm nicht.
„Raven?“ Immer noch nichts. „Raven.“ Nichts. „Raven!“
„Was?“ Ich starrte ihn an. Anscheinend war er überrascht dass ich ihn so angefahren hatte und als ich ihn ansah tat es mir bereits leid. Ich blickte zur Seite. „Tut mir leid dass ich dich angeschrieen habe.“
Er nickte. „Schon okay.“
Ich sah ihn wieder an. Er lächelte. *Für wen hält der sich eigentlich?* „Und?“
„Und was?“
„Wie wäre es mit ´Tut mir leid das ich dich erschreckt habe und du dir weggetan hast` oder findest du das etwa okay?“ Ich starrte ihn lange an. Entweder interessierte er sich nicht für das was ich gesagt hatte oder er wollte es einfach nicht verstehen.
Er zwinkerte kurz mit seinen Augen und schüttelte den Kopf. „Sag mal . . . was kann ich denn dafür dass du dich erschreckst? Ich habe doch eigentlich gar nichts gemacht, ich wollt nur gucken ob du Fieber hast weil du dich so seltsam benimmst. Du weißt wie ich bin!“
„Sicher weiß ich das, aber du hast so was noch nie gemacht! Deswegen war ich überrascht. Vielleicht solltest du lernen dich mal etwas netter zu benehmen.“ Ich rümpfte die Nase. Heute lief einfach nichts so wie ich es wollte. Alles lief schief.
Ich hörte wie Reyals tief einatmete, dann wurde er ruhig. „Tschuldigung.“ Ich drehte mich zu ihm. Er versuchte zu lächeln doch es wirkte aufgezwungen. „Tut mir Leid wegen . . . deinem Rücken.“ Er streckte mir seine Hand entgegen. „Komm, ich helfe dir.“
Ich nickte, griff seine Hand und er zog mich hoch.
Als ich wieder auf meinen Beinen stand, jedenfalls mehr oder weniger, immerhin bedenke man das mich Reyals festhielt, bemerkte ich einen seltsamen Ausdruck in seinen Augen. Es war irgendetwas zwischen Traurigkeit und Reue.
Ich drehte meinen Kopf zur Seite.
Durch irgendeinen Grund konnte ich ihn nicht ansehen – aber wieso? Was war heute nur los mit mir . . . oder mit ihm . . . oder mit uns?
Ich atmete tief ein und bemerkte dass mich Reyals immer noch festhielt.
„Du kannst mich . . . jetzt loslassen.“
Er schwieg. Statt etwas zu sagen, sah er mich einfach nur an – mit diesem komischen Blick den er in letzter Zeit so oft hatte wenn er mich ansah.
„Reyals?“ Ich tippte gegen seine Stirn. Er rührte sich nicht mal. *Oh wie toll, eine lebende Statue.* Langsam wurde ich unruhig. „Reyals? Wenn es möglich wäre, dann wäre es toll wenn du mich loslassen würdest . . . Reyals . . . sag mal hörst du mir überhau. . ..“
Bevor ich die Möglichkeit hatte weiter zu reden spürte ich seine Lippen auf meinen. Ich riss meine Augen weit auf. Für einen Moment konnte ich nicht mehr klar denken. Ich wusste nicht was geschah, warum es geschah und wann es aufhören würde.
Wollte ich überhaupt dass es aufhörte?
Wieso machte ich mir so viele Gedanken darüber? Gerade jetzt?
Ich wusste es nicht – und ehrlich gesagt wollte ich es auch nicht wissen.
Ich genoss den Moment so lang er anhielt und als es dann wieder vorbei war ließ ich meine Augen zu. Wieso war es überhaupt zu Ende?
Der Kuss hatte nur wenige Sekunden gedauert doch für mich schien es als hätte es Stunden gedauert. Ich lächelte zu mir selbst und öffnete meine Augen langsam.
Reyals lächelte mich an.
Keiner von uns beiden sagte etwas. Wahrscheinlich waren wir beide zu erstaunt über das Geschehene. Doch das war nun alles egal. Für einen kurzen Moment schwiegen wir beide uns an bevor wir uns einen weiteren Kuss teilten.
Ich weiß nicht was in dieser Nacht passierte oder warum es passierte, ich weiß nur das ich diese Nacht wahrscheinlich nie vergessen würde, denn in dieser Nacht war es fast so als würde der Mond nur für uns scheinen.


 
„Sag mal wie ist das eigentlich?“
„Was meinst du?“
„Das Leben im Himmel. Als Engel eben?“
„Ein wenig einsam.“
„Wieso einsam? Es gibt doch noch andere Engel oder etwa nicht?“
„Sicher gibt es noch andere Engel aber ich kann meine Familie jetzt nicht mehr sehen. Das heißt – sehen kann ich sie ja, aber ich kann nicht zu ihnen. Ich glaube jeder würde sich in so einer Situation einsam fühlen. Ich habe zwar neue Freunde gefunden aber es ist nicht dasselbe wie es wäre wenn ich noch ein Mensch wäre.“
„Das kann ich verstehen. Ich fühl mich manchmal auch alleine gelassen; vor allem dann wenn ich mal Streit mit meinen Eltern hab, dann denk ich immer die wollen mich gar nicht verstehen und wenn ich dann in meinem Zimmer bin hab ich das Gefühl keinen interessiert es was mit mir ist und dann denke ich oft ich bin der einzige Mensch auf der Welt.“
„Na ja, ich kann mir vorstellen das sich die Sache aber ziemlich schnell wieder erledigt.“
„Nicht immer. Manchmal dauert der Streit ein bisschen länger an, dann hab ich nur meine Freunde mit denen ich über meine Probleme reden kann; die hören mir wenigstens zu und versuchen mir irgendwie zu helfen – aber manchmal habe ich Angst das ich ihnen damit nur auf die Nerven geh.“
„Ich denke nicht das du ihnen auf die Nerven gehst – wenn sie dir zuhören und dir bei deinen Problemen versuchen zu helfen, dann bedeutet das doch das sie wirklich gute Freunde sind und dich gerne haben. Ich bin mir sicher sie meinen das ernst und du würdest bestimmt dasselbe für sie tun oder nicht?“
„Sicher tue ich dasselbe für sie.“
„Siehst du? Du kannst dich auf sie verlassen und sie sich auf dich. Du kannst froh sein solche Freunde zu haben und sie können froh sein dich als Freundin zu haben.“
„Mhm, du hast Recht – ich kann wirklich froh sein sie zu haben. --- Sag mal, hättest du was dagegen wenn ich dich auch als eine Freundin ansehe – immerhin kann ich dir ja auch von meinen Problemen erzählen oder nicht?“
„Natürlich kannst du mir deine Probleme erzählen – ich hab dir ja grad auch ein bisschen von meinen Problemen erzählt; außerdem würde es mich freuen wenn ich dich zu meinen Freunden zählen könnte – du darfst nur niemanden von mir erzählen, jedenfalls nicht wenn ich es sage das du es kannst. Es muss ja nicht jeder bescheid wissen.“
„Kein Problem, ich werd schweigen wie ein Grab.“
„Freut mich zu hören.“
„Tja, dann schätze ich mal wir haben unser erstes Geheimnis.“
„Unter zwei Freunden.“
„Ich freue mich schon auf die nächsten paar Geheimnisse.“
„Geht mir genauso. Bis dahin kannst du sie mit deinen anderen Freunden teilen.“
„Das werd ich – ich freu mich schon auf unser nächstes Treffen.“
„Ich mich auch. Bis dahin wünsch ich dir alles Gute. Auf wieder sehen.“
„Auf wieder sehen.“