Engel Heute - Das Problem

 Engel Heute - Das Problem Im neuzeitlichen Denken über den Glauben hat sich die Engellehre durch die Nachwirkungen der kritischen Aufklärungstheologie einen besonders schweren Stand. Der Glaube an Gott und Jesus Christus kann personhaft und daseinsmäßig interpretiert werden, aber Engel kommen im Rahmen des naturwissenschaftlichen Denken nicht vor, von parapsychologischen Phänomenen, die nicht bewiesen werden können, muss abgesehen werden. Engel haben zwar ihren Platz in der Schöpfungslehre, aber seit der Aufklärung vermittelt diese kein objektiven Weltbild mehr, das macht die Naturwissenschaft. Die Theologie des 19. Jh. verzichtet deshalb weitgehend auf die Engellehre.
F. Schleiermacher vertritt in seiner Glaubenslehre diese Position. Die Engelvorstellung, meint er, gehört nicht in den eigentlichen Kreis der christlichen Lehre, die sich deshalb nicht über Engel äußern muss. Die Engellehre darf deshalb keinen Einfluss auf unsere Handlungen haben, zumal Offenbarungen ihres Daseins auch nicht mehr zu Erwarten sind. Der Ursprung der Engelvorstellung gehört in primitive Geistesphasen, in denen der Zusammenhang zwischen Mensch und Natur noch nicht richtig entwickelt war.
Auch R. Bultmann schließt sich der Meinung an. Mann kann nicht in einer technich-wissenschaftlichen Welt leben, und an Geister, Engel und Dämonen glauben.
Schon Augustin und Theodoret von Kyros waren der Meinung, man könne Engel nicht auf eine Ebene der Geschöflichkeit rücken und bekämpften den Brauch, den Engeln Kirchen zu errichten, und die Engelverehrung. In der Aufklärungtheologie wurde der Engelglauben danach überhaupt verdrängt.
Nun taucht aber ein Problem auf, denn die Engelvorstellung ist mit dem Glauben an Gott verbunden und wenn die Engelvorstellung schwächer wird, könnte es auch die Glaube an Gott werden.


Die Engellehre in der Gegenwart

Nachdem die Engellehre im 19. Jh. stark zurückgegangen ist, nahm sie im 20. Jh. wieder zu, wahrscheinlich weil man annahm, dass der Glaube an Gott geschwächt würde. Naturwissenschaftlich ist es nicht zu erklären. Es gibt einige, die sich für die Engelverehrung einsetzen. P. Althaus gibt Gründe dafür, dass die Engelvorstellung nicht aufgehoben werden kann, auch in Bezug auf unsere naturwissenschaftliche Entwicklung: der Verstand der Menschen ist wesensmäßig begrenzt, der Mensch darf sich nach biblischer Auffassung nicht als höchste persönliche Kreatur ansehen. Gott ist für das Lob durch seine Geschöpfe nicht allein auf die Menschen angewiesen. Vor allem wird in der Bibel die Wirklichkeit der Engel, vor allem im Kampf gegen Geistmächte, die gegen Gott kämpfen, nicht nur geglaubt, sondern bezeugt.
G. Ebeling sagte: 'Man bekommt vermutlich für das rechte Reden vom Engel Gottes erst im äußersten Ernstfall Sinn.' Gemeint sind zum Beipiel Gefahrensituationen oder Gefangenschaft.
Besonders bekannt auf diesem Gebiet ist auch K. Barth, der sich auf Dionysios Areopagita beruft. Dabei geht es um die Frage nach Auftrag, Aufgabe und Wirkung der Schöpfungsmächte, die die göttliche Kraft in die geschaffene Welt hinein vermittelt haben.
So viele Argumente es für ein Dasein der Engel gibt, man kann nicht sagen, dass es sie gibt, weil es in der Bibel steht oder weil es Tradition ist.

Der Entwurf in der heutigen Engellehre

Der Entwurf beginnt in der Tradition, weil die Religionsgeschichte im Christentum selbstverständlich ist. Die Engelvorstellung gehört zum Grundbestand dieses Denkens, aber auch aller heutigen Hochreligionen, die nur an einen Gott glauben. Der neue Lehre muss deshalb die Ergebnisse aus bisheriger religiöser Forschung berücksichtigen.
Keine Religion mit Glauben an nur einen Gott kommt ohne Engelglauben aus, und das liegt nicht daran, weil der Glaube von Generation zu Generation weitergeschleppt wurde, sondern weil der Mensch keinen Kontakt auf direktem Wege mit Gott hat. Also muss es Wesen geben, die zwischen der göttlichen Einheit und der weltlichen Vielfalt vermitteln, die sowohl personenhaft vor Gott als auch vor den Menschen erscheinen.
Menschen, heißt es, sind das Ebenbild Gottes, Engel aber sind ihm noch ähnlicher und tragen das Siegel des Göttlichen an sich, sie sind die Mittler.
Rein mythologische Gattungen und Namen (z. B. Cherubim, Seraphim oder Michael) kommen allerdings in der Lehre der Gegenwart nicht mehr vor, genauso wenig wie die gefallenen Engel.
Die Engellehre besteht dann aus drei Aspekten:
1. Engel sind Botschafter. Darunter fallen ihr Mitwirken im Dienst der Verkündigung und des Glaubens, also ihr Hilfsdienst im Heilsgeschehen.
2. Engel sind Helfer. Darunter fallen ihr Schutz- und Hilfsamt.
3. Engel vermitteln Wirken, bezogen auf Gottes Welterhaltungswirken.
Diese drei Punkte müssen neu erarbeitet werden, weil sich das Bild vom Menschen mit seiner Abhängigkeit zu seiner Natur weiterentfaltet.
Wesentlich wird dabei sein, dass das Thema der Erfahrbarkeit der Engel stärker in der Vordergrund rückt.


Quelle: U. Mann: Engel. VI. Dogmatisch (1982) | Bild