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Ein Tag als Mensch kann wirklich anstrengend sein, das wusste ich schon nach den ersten fünf Minuten. Ich hatte es mir nicht so vorgestellt, aber wenn man es Recht bedachte, machte es sogar Spaß. Ich war hier als eine himmlische Begleiterin, um eine gute Tat zu vollbringen. Warum ich dazu ausgerechnet in die verstörte Fantasie einer 80-Jährigen hatte abtauchen müssen, störte mich da auch nicht mehr. Sie schien sich für eine Katze zu halten. Und ich musste nur bei ihr bleiben, damit ihr nichts geschah. Bis sie schließlich wieder daraus verschwand. Ich hatte hier noch keinen anderen Menschen gesehen, aber das war auch nicht so wichtig, ich hatte schließlich Alles, was ich brauchte.
Ich streckte mich, lehnte mich zurück, trank ein paar Schluck Kaffee. Er schmeckte widerlich und ich fragte mich, warum ich eigentlich Kaffee trank. Dann zuckte ich mich den Schultern. Wahrscheinlich, weil alle Erwachsenen das so machten. Wenn ihre Kinder von der Schule nach Hause kamen saßen sie gemütlich in der Stube, lasen Bücher, Briefe, Zeitungen, sahen sich Bilder an, hörten Radio…- tranken Kaffee. Das machte man eben so. Die Menschheit würde wohl auch aus dem Fenster springen, es musste nur genügend Leute geben, die sagten, dass man das so machte. Die Menschen sind völlig verrückt! Bei Nacht sind alle Katzen grau… sinnierte die kleine rote Katze auf der Fensterbank: Und alle Gedanken schwarz… sie seufzte und starrte düster in den Regen hinaus. Schloss die Augen. Öffnete sie wieder: Und ich will Reibekuchen! fügte sie hinzu: Rei-be-ku-chen! So was hatten wir doch noch, dachte ich, von gestern. Ich machte es ihr auf dem Herd warm. Und während sie aß, sinnierte sie über die Welt und das Leben, Gott kannte sie schließlich nicht, und ich schrieb alles fleißig mit. Dabei schwieg ich. Was sollte der Mensch schon gegen die Weisheit einer Katze machen? Nicht, dass ich ihr jemals das Wasser reichen könnte. Aber schreiben. Das konnte ich. Das war wohl auch der einzige Grund, aus dem sie mich duldete. Nein. Da war noch etwas. Ich konnte Geschichten erzählen. Ich nahm ihre Wörter, verbog sie, verband sie, fädelte sie auf Ketten auf und reparierte sie. Und dann erzählte ich sie ihr. Märchen von einer Welt, die ich niemals gesehen hatte. Nur in meinen Träumen. So wie diese. Und wenn sie einschlief wusste ich, dass sie von dieser Welt träumte. Der Welt die sie erschaffen und ich geformt hatte… Wir zwei waren schon ein sonderbares Paar… Eines Tages ging ich nach draußen. Es war früh am Morgen, kurz nach Sonnenaufgang. Die Luft war frisch und klar, erinnerte mit ihrem Duft ein wenig an den Geruch eines Waldes, kurz nach dem Regen. Es war kalt. Der Atem schwebte mir in kleinen weißen Dampfwölkchen vor dem Gesicht. Einen Moment lang fragte ich mich, ob ich die Luft nicht einfach wieder einsaugen könnte. Wenn ich genügend Übung darin hatte konnte ich bei meinem Tod die Seele dann auch wieder einsaugen. War doch so was Ähnliches wie Atemnebel. Ein vielleicht morbider aber nicht sonderlich abwegiger Gedanke. Wenn man hier war, war kein Gedanke abwegig. Ich sollte ihr einen neuen Hut nähen. Der Alte war nicht warm genug. Die Nebelwolke wehte davon. Seelenfangen musste wohl gelernt sein. Deswegen starben auch so viele Menschen. Auf dem Feld saß der graue alte Kater, der Säufer, und starrte ins Leere. Ich grüßte ihn freundlich. Er blickte mich mürrisch an, doch ich durfte mich zu ihm auf das taufeuchte Korn setzen. Wir unterhielten uns nicht, er akzeptierte mich nur als jemanden, der ein wenig Wärme mit seinem Körper spendete und mit ihm den Anblick des Morgens teilte. Du bist der einzige Mensch jenseits der Grenze! erklärte er mir nach dem dritten Whisky und lehnte sich zurück an die Zypresse, um den Nebel zu beobachten. Die Raben die kreischend über das Feld flogen, in der frisch gepflügten Erde nach Körnern suchten. Nicht das da noch welche währen. Die hatten alle schon die Ratten gefressen. Und die hatten wiederum die Katzen gefressen. Ich fand es immer wieder verblüffend, wie schnell fette Katzen laufen konnten. Genauso verblüffend wie die Langsamkeit, mit der sich meine Gedanken bewegten. So brauchte ich einen Moment. Stockte. Sah auf. Blickte ihn erstaunt an. Die einzige? Aber die Nachricht war doch gar nicht so schlecht. Dann konnte ich endlich aufhören zu schreiben und mich wichtigeren Dingen widmen. Malen zum Beispiel. Oder eine Kaffeesorte zu finden, die mir besser schmeckte. Seelenfangen üben! Bücher hatte ich noch genug da. Ich konnte ihr aus denen vorlesen. Das würde ihr schon nicht langweilig werden, sie hatte so ein schlechtes Gedächtnis bekommen auf ihre alten Tage. Und merken würde sie es wohl auch nicht. Selbst wenn sie mal wieder auf meiner Armlehne saß, den Blick auf ein unsichtbares Nichts zwischen den Zeilen meines Buches gerichtet. Katzen konnten schließlich nicht lesen… |
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Es war spät geworden an diesem Abend. Eigentlich hätte ich schon längst wieder Zuhause sein sollen. Aber ich hatte nicht gefunden, was ich suchte. Es war einfach nicht aufzutreiben…
Ich durchstöberte schon seit Stunden die Regale dieses alten Buchladens nach einem Buch über Zauberei. Es kam mir seltsam vor, dass ich noch nichts gefunden hatte. Der gesamte Laden sah irgendwie verzaubert aus. Der Staub, den ich in den letzten Strahlen der untergehenden Sonne sehen konnte, lag überall. Auf den Holzdielen, den riesenhaften Regalen, auf den scheinbar uralten Büchern, die alle aussahen, als lägen sie schon seit Jahrhunderten hier, auch wenn viele literarische Neuerscheinungen darunter waren. Doch alles war ich enttäuschenderweise in dieser Bibliothek fand, waren Lexika über Städte und Architektur von A-Z, Duden in allen Sprachen, sonstige Wörterbücher, auch viele, in denen nur Schimpfwörter oder eben Worte zu bestimmten Bereichen standen, so ziemlich jede Ausgabe der Bibel, die die Welt je gesehen hatte – auch uninteressant, weil ich die Bibel auswendig kannte –, Gesetzbücher und Kochrezepte. Seitenweise. Gelangweilt wandte ich mich schließlich ab und trottete zum Ausgang. Hier gab es scheinbar wirklich nichts Interessantes zu sehen, auch wenn der Laden sowohl von außen als auch von innen den Anschein gemacht hatte. Ich ließ meinen Blick noch einmal über die schwach erleuchteten Regale schweifen, die Hand schon an der Türklinke, als ich den Bibliothekar entdeckte. Hoffnung glomm erneut in mir auf. Ich wusste, dass ich jedes Regal aufs Genauste untersucht hatte, aber vielleicht konnte er mir ja etwas zeigen, das ich übersehen hatte. Ich ging also auf ihn zu: Hallo! Er drehte sich zu mir um. Es war ein alter verhutzelter Mann, wie man sie eigentlich nur aus Märchenbüchern kennt. Er sah genau so aus wie der Laden. Alt, ein wenig zerfleddert, aber mit diesem Hauch Magie, einem Zauber, den sein Anblick auf mich ausübte: Guten Abend, junge Dame… Seine Stimme klang wie knarrende Äste. Kann ich Ihnen irgendwie weiterhelfen? Ich nickte hastig: Ich suche ein Buch über Magie. Können Sie mir da irgendwie weiterhelfen? Kommt ganz darauf an, was für eine Art von Magie Sie suchen, junge Dame. Weiße oder schwarze? Weiße!, gab ich schnell zurück. Beinahe wäre mir die Begründung: Was soll ich als Engel denn sonst suchen?! herausgerutscht, aber ich verkniff mir den Kommentar lieber. Wer weiß, was er darauf gesagt hätte. Er nickte leicht, dann zog er ein weißes Buch hinter sich aus der Wand, drückte in die Kerbe im Regal dahinter. Ein Grollen erklang und das Regal begann langsam, sich zu drehen, bis es den Blick auf ein verborgenes Zimmer freigab. Als ich dem kleinen Mann mit der viel zu großen Brille staunend hindurchfolgte, schloss sich das Regal wieder hinter mir. Ich blickte mich um. Wo auch immer ich hinsah, überall nur Bücher über weiße Magie und magische Artefakte. Sehen Sie sich ruhig um, ich habe Zeit…, erklärte der weißhaarige Mann leise und ließ sich mit einem Buch in der Hand und seine Nickelbrille zurechtrückend, auf einen Stuhl sinken. Ich nickte nur leicht, sah mich staunend und neugierig um. Stunden später, die ich gebraucht hatte, um alle Regale zu durchforsten, graute schon wieder der Morgen. Der Bibliothekar schien es gewohnt zu sein. Er hatte sich einfach eine Kerze angezündet und gelesen. Nun, da ich mich endlich von den Büchern zu lösen vermochte, richtete er sich etwas auf: Und, junge Dame? Haben sie gefunden, wonach sie gesucht haben? Strahlend und mit einem breiten Grinsen, wahrscheinlich völlig zerzaust aussehend, nickte ich: Ja! Hab ich! dabei presste ich das Buch fest an mich. Es handelte über Elfen, Feen, Engel und sonstige Wesen, von denen die Menschen dachten, sie hätten sie sich ausgedacht. Wollen sie es ausleihen, oder es kaufen? fragte er, nachdem er mich eine Weile betrachtet hatte. Kaufen! gab ich rasch zurück, zog einen zerknitterten Zwanziger aus der Tasche: Reicht das? Er winkte ab: Jemand, der so begeistert ist, wie sie, der kriegt das auch umsonst. Aber ja nicht weitersagen! er zwinkerte mir zu, kramte dann kurz in einer Kiste neben seinem altertümlichen Schreibtisch: Und ich habe noch etwas für sie… erklärte er, dabei erneut seine Brille zurechtrückend und mich aus grauen Augen musternd. Er hielt mir einen kleinen, sorgfältig verpackten Gegenstand entgegen. Ich spürte sofort, dass etwas Magisches davon ausging, bedankte mich natürlich artig. Kaum war ich wieder draußen öffnete ich das kleine Paket und förderte einen Zauberstab zutage. Freudig und glücklich, aber auch müde trat ich den Heimweg an. Immerhin: Der Tag hatte sich gelohnt. |

