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Wie ich zum Engel wurde, der ich bin Ich kann mich nur schwach an die Häuserfassaden New Yorks erinnern, doch ein Schauplatz brannte sich so in mein Gedächtnis ein, dass ich sagen könnte, wie viel Unkrautbüschel auf dem Dach des Hauses, das hinter uns lag, wuchs. Oder wie viele kaputte und von Fliegen verklebte Klingeln an dem baufälligen Block gegenüber vor Jahrzehnten einmal angebracht worden waren. Ich war fünfzehn, als ich mit meiner Klasse einen Trip nach New York unternahm. Ich war noch sehr jung und viel zu naiv um auf den Straßen der größten und populärsten Stadt der Welt etwas derart grausames zu erwarten. Doch mein Schicksal lehrte mich, dass nicht alles Gold ist was glänzt.
Am dritten Tag nach unserer Ankunft besichtigten wir die Innenstadt New Yorks. Da Manhattan ungefähr so groß wie meine Kleinstadt in der ich geboren wurde ist, wurden uns von der Organisation mit der wir reisten, Citybikes gestellt, da die öffentlichen Beförderungsmittel in New York allgemein sehr teuer sind. So crusten meine Gruppe, in die ich zu Beginn eingeteilt worden war, und ich von einem sehenswerten Ort zum anderen. Als es abends wurde machten wir uns auf, zu unserer Herberge am Rande von Brooklyn zurückzukehren. Es war durchaus ein weiter Weg, doch mit den Bikes benötigten wir für diese Strecke höchsten zwanzig Minuten. Wir düsten also die West End Avenue hinunter, um auf dem schnellst möglichen Weg nach Hause zu gelangen, denn wir waren schon etwas spät dran, als ich auf der rechten Seite ein buntes Plakat, auf das ein Mangagirl gedruckt worden war, vor meinen Augen vorbei flitzen sah. Ich bremste abrupt ab, um das Plakat näher zu inspizieren. Dabei merkte ich, dass das Plakat doch tatsächlich ein Schaufenster eines Mangaladens schmückte. Ich war richtig glücklich, denn mein Lieblingsmanga war bis dahin in Deutschland nur bis zum zweiten Band erschienen. Auf Englisch jedoch schon bis zur Nummer acht. Ich rief meinen Klassenkameraden zu, sie sollten nicht auf mich warten, ich käme später nach. Nachdem ich mein Fahrrad an eine Laterne gekettet hatte, betrat ich den Laden und sah mich um. Regale bis zur Decke, gefüllt mit Mangas und Comics der verschiedensten Arten, zogen sich an den Wänden des kleinen Raumes entlang. Am Tresen lehnte ein stämmiger, junger Mann Mitte zwanzig und las in einer Zeitung. Da ich nicht viel Zeit hatte und mir allmählich der Magen knurrte, ging ich kurz entschlossen zur Ladentheke und fragte den Mann nach meinem Lieblingsmanga. Doch der Mann schaute mich nur irritiert an, denn ich glaube er verstand nicht, was ich ihm mitteilen wollte. Vielleicht lag es an meinem schlechten Englisch, obwohl ich eigentlich dachte, es wäre recht gut. Vielleicht aber auch nur an meinem Akzent, obwohl eigentlich niemand in ganz New York wegen eines Akzents so blöd aus der Wäsche glotzen würde, da doch über die Hälfte der New Yorker Einwohner aus einem anderen Land immigriert waren. Sein Blick schweifte über meine Lederjacke und über die Miss Sixty Jeans, die ich trug, bis hin zu meinen Adidas Sneakers. Danach blickte er geradewegs in meine blauen Augen und entgegnete, er habe den Manga, den ich haben wollte, im Lager vorrätig. Er ging um die Theke herum und bedeutete mir zu folgen. Er schritt geradewegs auf einen grauen, befleckten Vorhang an der Wand zu und schob ihn beiseite. Überall auf der Treppe standen schwarze Mülltüten und ein muffiger Geruch stieg mir in die Nase. Ich bekam ein ungutes Gefühl und blieb für einen kurzen Augenblick stehen. Hätte ich nur eine Freundin mitgenommen!! Doch jetzt war es zu spät. Der Ladenbesitzer drehte sich zu mir um und ich folgte ihm weiter, bis durch eine Tür, die auf einen kleinen Innenhof führte. Ich fragte mich, warum er mich hierher gebracht hatte. Wo in Himmels Namen sollte er hier Mangas aufbewahren? Er machte auch keine Anstalten ein anderes Haus zu betreten, in dem sich vielleicht der Lagerraum befinden könnte, sondern blieb einfach vor der Treppe, die zurück in den Laden führte stehen. Langsam bekam ich es mit der Angst zu tun und ballte meine Hände zur Vorsicht zu Fäusten, falls ich mich verteidigen müsste. Ich wollte ihn schon fragen, wo jetzt der Lagerraum sei, als er auf mich zu kam und mich an eine Hauswand presste. Blanke Angst stand mir ins Gesicht geschrieben, als der Verkäufer mit seinem hämischen Grinsen an meiner Hose zu nesteln begann. Als ich mich von dem Schrecken einigermaßen Erholt hatte, nahm ich meine ganze Kraft zusammen und boxte, schrie, kratzte und biss um mich. Der Mann war so verdutzt, dass er mich für einen kurzen Augenblick nicht mehr ganz so fest hielt. Ich konnte mich durch eine schnelle Drehbewegung losreißen und rannte zurück in den Laden, den ich so erwartungsvoll betreten hatte. Doch der Verkäufer überlegte nicht lange und rannte mir nach. Ich überlegte fieberhaft, wie ich auf schnellstem Weg die Polizei rufen konnte und da kam mir die Idee. Es war zwar nicht der richtige Anlass dafür, doch die Polizei würde so am schnellsten hier sein. Ich rannte hinter die Theke und presste meinen Körper so weit auf den Boden, dass mein Verfolger mich unmöglich hätte sehen können, wenn er nicht hinter die Theke gelugt hätte. Und tatsächlich rannte der Mann an mir vorbei und zum Laden hinaus. Nun begann ich wie wild unter dem Tisch nach dem roten Alarmknopf zu suchen, den ich aus Filmen kannte. Und tatsächlich, ich sa h ihn. Schnell betätigte ich den Knopf und eine schrille Alarmglocke ertönte. Der Mann, der vor dem Laden stehen geblieben war, weil er nicht wusste, wo ich hingerannt war, machte auf dem Absatz kehrt und ging zurück in den Laden. Jetzt würde er mich finden, dachte ich. Ich machte mich so klein, wie es nur ging, und meine Kniegelenke schmerzten schon. Unvermittelt nahm ich die plötzliche Stille war. Als ich aufblickte stand der Mangaverkäufer vor mir, den ich voller Vorfreude vor zehn Minuten um einen Manga gebeten hatte. Mit vom hämischen Grinsen verengten Augen sah er mich mit einem Revolver auf mich zielend an. Ich konnte mich nicht rühren, noch nie in meinem ganzen Leben, hatte mich ein Mensch mit einer Waffe bedroht. Er lud die Waffe und wenn mich nicht alles täuschte, konnte ich ein Blitzen von Genugtuung in seinen Augen lesen. In vielen Büchern hatte ich schon gelesen, dass Menschen ein Licht am Ende eines Tunnels sahen, wenn sie starben, doch ich sah nichts. Ich spürte nur die wohlige Wärme, die mich umgab, als die Kugel sich in meine Brust bohrte. Langsam fielen mir die Augen zu und als ich sie schloss, starb ich mit dem Sirenengeheul der Polizeiautos im Ohr.
Von einem anderen Menschen umgebracht zu werden ist womöglich der unschuldigste und reinste Tod, den ein Mensch überhaupt sterben konnte. Mein ganzes Menschenleben wurde binnen einer Sekunde zerstört, doch ein neuer Abschnitt begann mit neuen Aufgaben und neuen Taten...
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